Die 4. Welt: Atlantis

Die 4. Welt: Atlantis

 

 

Atlantis (griech.:„Insel des Atlas“) bezeichnet ein erstmals vom griechischen Philosophen Platon genanntes Inselreich. Dieses Reich wird als eine Seemacht beschrieben, die ausgehend von ihrer „jenseits der Säulen des Herakles“ gelegenen Hauptinsel große Teile Europas und Afrikas unterwarf. Nach einem gescheiterten Angriff auf Athen sei es schließlich um 9600 v. Chr. in Folge einer Naturkatastrophe innerhalb „eines einzigen Tages und einer unglückseligen Nacht“ untergegangen.

Bei der Geschichte von Atlantis handelt es sich um einen platonischen Mythos in Form einer pseudohistorischen Darstellung, wenn auch wahrscheinlich mit realen Vorlagen. In der Antike wurde die Übertreibung dieser Darstellung gelegentlich parodiert. Im Mittelalter geriet der Mythos Atlantis mehr oder weniger in Vergessenheit, bis er schließlich in der Renaissance wiederentdeckt und verbreitet wurde. Platons Schilderungen inspirierten die utopischen Werke verschiedener frühneuzeitlicher Autoren, wie etwa Francis Bacons „Nova Atlantis“. Bis heute wird das literarische Motiv des Atlantis-Mythos in Literatur und Film verarbeitet.

Seit dem 19. Jahrhundert wurden viele Versuche unternommen, Atlantis zu lokalisieren. Jedoch konnte keiner davon die Fachwelt überzeugen. Versuche zur Verortung von Atlantis kollidieren mit der Ansicht von Althistorikern und Philologen, der Mythos von Atlantis habe keine einzelne konkrete Vorlage, sondern sei aus Elementen unzähliger verschiedener Vorbilder zusammengesetzt. Auch sei es nicht Platons Ziel gewesen, reale Ereignisse im Sinne von Geschichtsschreibung festzuhalten. Er wollte vielmehr durch eine Allegorie das Agieren des platonischen Idealstaates im Falle des Krieges anschaulich machen und durch bewusste Parallelen in der Handlung die gescheiterte Seemachtspolitik Athens kommentieren.

Beschreibung bei Platon

Platon beschreibt Atlantis in seinen um 360 v. Chr verfassten Dialogen „Timaios“ und „Kritias“, wobei letzterer nur als Fragment erhalten ist. In diesen Werken lässt der Autor die beiden Politiker Kritias und Hermokrates sowie die Philosophen Sokrates und Timaios aufeinander treffen und diskutieren. Bei den drei erstgenannten handelt es sich gesichert um reale Personen [17. 102], die ihnen von Platon zugeschriebenen Gespräche sind allerdings fiktiv. Der Sokratische Dialog wird hier als rhetorische Figur eingesetzt und soll Platons Lehraussagen überzeugender vermitteln, indem die Lehrsätze nicht dogmatisch vorgegeben, sondern vor den Augen des Lesers dialektisch entwickelt werden. Während das Thema Atlantis im „Timaios“ nur kurz angerissen wird, folgt im „Kritias“ eine ausführliche Beschreibung des Inselreichs.

Darstellung der Überlieferung

An die im ersten Teil des „Timaios“ angelegte Darstellung der Grundlagen des platonischen Idealstaates der „Politeia“ knüpft sich ein von Sokrates geäußerter Wunsch zu sehen, wie sich ein derartiger Stadtstaat in der Realität und speziell im Kriegsfall bewähren würde (Tim. 17a-20c). Darauf gibt Kritias eine Geschichte wieder, die ihm in seiner Jugend von seinem Großvater erzählt worden sei (Tim. 20d ff.), welcher sie wiederum von seinem Vater Dropides vernommen habe. Dropides sei ein zeitweiliger Weggefährte Solons gewesen, und jener habe die Kunde von Atlantis aus Ägypten mitgebracht, wo er sie in Sais von einem Priester der Göttin Neith, welcher ihm Jahrtausende alte Schriften übersetzte, erfahren habe (Tim. 23e).

Inhalt der von Kritias erzählten Geschichte ist eine der angeblich „größten Heldentaten Athens“, nämlich die Abwehr eines riesigen Heeres der expansiven Seemacht Atlantis. Jenes Inselreich habe 9000 Jahre vor Solon ganz Westeuropa bis Tyrrhenien und Nordafrika bis nach Ägypten beherrscht und sei im Begriff gewesen, auch Griechenland zu unterwerfen (Tim. 25a-b). Nach der Abwehr des Angriffs durch die tugendhaften Athener sei Atlantis durch eine Naturkatastrophe mit schwerem Erdbeben und darauffolgender Flut zerstört worden und für immer versunken. Auch das Heer der Athener und Athen selbst seien bei dieser Katastrophe zugrunde gegangen, einzig Ägypten sei verschont geblieben (Tim. 25c-d). Dort habe man die Überlieferung der Heldentat Athens über viele Generationen mündlich weitergegeben, bis sie schließlich tausend Jahre nach dem Ereignis schriftlich aufgezeichnet worden sei (Tim. 23d-e; Kritias 108e, 109d ff., 113a). An mehreren Stellen der Erzählung lässt Platon Kritias betonen, dass seine Geschichte nicht erfunden sei, sondern sich tatsächlich so zugetragen habe (Tim. 20d, 21d, 26e).

Atlantis

Im „Kritias“ beschreibt Platon Atlantis detailiert: Es sei ein Reich gewesen größer als Libyen (??ß??) und Asien (?s?a) zusammen (Tim. 24e). Zu Platons Zeiten verstand man unter diesen Begriffen Nordafrika ohne Ägypten und die damals bekannten Teile Vorderasiens. Die Hauptinsel lag außerhalb der „Säulen des Herakles“ im Atlantìs thálassa, wie schon Herodot den Atlantik nennt (Hdt. I 202,4). Die „Insel des Atlas“ war laut Platon reich an Rohstoffen aller Art, insbesondere an Gold, Silber und „Oreichalkos“ (Kritias 114e). Weiter erwähnt Platon verschiedene Bäume, Pflanzen, Früchte und Tiere, darunter auch das „größte und gefräßigste Tier von allen“ , den Elefanten (Kritias 115a). Die weiten Ebenen der großen Inseln seien äußerst fruchtbar gewesen, exakt parzelliert und durch künstliche Kanäle mit ausreichend Wasser versorgt. Durch Ausnutzung des Regens im Winter und des Wassers aus den Kanälen im Sommer seien zwei Ernten jährlich möglich gewesen (Kritias 118c-e).

Die Struktur der Hauptinsel und ihrer Bebauung beruht auf geometrischen Grundformen. Das Zentrum der Hauptinsel bildet eine 3000 mal 2000 Stadien große Ebene, wobei ein „Stadion“ etwa 180 Metern entspricht. Diese Ebene ist von breiten, schiffbaren Kanälen durchzogen, sowohl ringförmig wie radial ausstrahlend, woraus eine Vielzahl kleiner Binneninseln resultiert. Im Kern liegt eine zentrale Insel mit einer Breite von fünf Stadien, diese ist von einem künstlichen Wassergürtel von einem Stadion Breite umgeben. Darauf folgen der Beschreibung nach zwei Paare von Land- und Wassergürteln mit zwei und drei Stadien Breite (Kritias 115d-116a). Vidal-Naquet kommentiert: „Wir sehen uns also einer Sequenz gegenüber, die deutlich nach einer Spiegelung aussieht: 5 (3+2), 1, 2, 2, 3, 3. Wer die in der Mitte liegende Insel verläßt, tritt sehr schnell in die Welt der Verdopplung ein“ [23. 228]. Die Bedeutung von doppelten und dreifachen Abständen in der „Struktur der Weltseele“ findet sich bereits im „Timaios“ beschrieben (Tim. 36d).

Im Zentrum von Atlantis erhebt sich neben der Akropolis ein Poseidontempel, den Platon als „ein Stadion lang, drei Plethren breit und von einer entsprechenden Höhe“ und innen wie außen mit Gold, Silber und Oreichalkos bedeckt darstellt. Um den Tempel herum stehen goldene Weihestatuen. Ein Kultbild zeigt den Meeresgott als Lenker eines sechsspännigen Streitwagens (Kritias 116d-e). In der Nähe der zentralen Anlage befindet sich ein Hippodrom. Auch die Wohnstätten der Herrschaft liegen im innersten Bezirk, der von einer Mauer umschlossen wird. Die ringförmigen Randbezirke der Stadt beherbergen von innen nach außen die Quartiere der Wächter, der Krieger und der Bürgerschaft. Die Gesamtanlage ist von drei weiteren, konzentrisch angeordneten Ringmauern umfriedet (Kritias 116a-c). Die beiden äußersten Kanäle sind als Häfen angelegt, wobei der weiter innen liegende Kanal als Kriegshafen und der äußere als Handelshafen dient (Kritias 117d-e).

Die Macht über die Insel hatte Poseidon seinem mit der sterblichen Kleito gezeugten Sohn Atlas übertragen, welcher der älteste seiner Nachkommen aus fünf Zwillingspaaren ist (Kritias 114a-c). Atlas und seine Nachfahren herrschen über die Hauptstadt, die Linien seiner jüngeren Brüder regieren die anderen Gebiete des Reiches. Mit der Zeit wandelt sich Atlantis durch immer weiter gehende Baumaßnahmen und Aufrüstung von einer ursprünglich ländlich geprägten Insel zu einer Seemacht. Die Nachfahren des Atlas und seiner Geschwister verfügen über riesige Streitkräfte und eine starke Marine mit 1200 Kriegschiffen und 240.000 Mann Besatzung allein für die Flotte der Hauptstadt (Kritias 119a-b) und unterwerfen damit ganz Westeuropa und Nordafrika bis Ägypten (Tim. 24e-25b), erst die zahlenmäßig weit unterlegenen Athener können ihren Vormarsch zum Stillstand bringen.

Die militärische Niederlage von Atlantis wird dargestellt als Strafe der Götter für die Hybris seiner Herrscher (Tim. 24e, Kritias 120e, 121c). Weil der „göttliche Anteil“ der Atlantiden durch die Vermischung mit Menschen zusehends schwindet, werden sie von Gier nach Macht und Reichtum ergriffen (Kritias 121a-c). „Kritias“ bricht ab, bevor die Götter sich zu einem Gericht über das Reich versammeln, bei dem sie über weitere angemessene Bestrafung beraten wollen: „Der Gott der Götter aber, Zeus, welcher nach den Gesetzen herrscht und solches wohl zu erkennen vermag, beschloß, als er ein treffliches Geschlecht (so) schmählich herunterkommen sah, ihnen Strafe dafür aufzuerlegen, (121c) damit sie, durch dieselbe zur Besinnung gebracht, zu einer edleren Lebensweise zurückkehrten. Er berief daher alle Götter in ihren ehrwürdigsten Wohnsitz zusammen, welcher in der Mitte des Weltalls liegt und eine Überschau aller Dinge gewährt, welche je des Werdens teilhaftig wurden, und nachdem er sie zusammenberufen hatte, sprach er“ [Textende].

Ur-Athen

Neben Atlantis beschreibt Platon in „Kritias“, wenn auch deutlich kürzer, das alte, das „Ur-Athen“. Es ist im Gegensatz zum realen Athen aus Platons Lebzeiten eine reine Landmacht, die Attika bis zum Isthmos von Korinth beherrscht (Kritias 110e). Obgleich in der Nähe der Küste gelegen, verfügt es über keine Häfen und betreibt bewusst keine Seefahrt. Platons Polis Athen ist ein äußerst fruchtbarer Landstrich, bedeckt von Feldern und Wäldern, und „imstande, ein großes Heer von den Geschäften des Ackerbaues Befreiter zu unterhalten“  (Kritias 110e-111d). Die Göttin Athene selbst habe die politischen Strukturen und Institutionen im nach ihr benannten Stadtstaat gestiftet, die Platon als nahezu identisch mit jenen seines im „Politeia“ beschriebenen Idealstaates darstellt. Als Athen von Atlantis angegriffen wird, kann es die Angreifer zurückschlagen und dabei einige bereits unterworfene griechische Stämme befreien. Die Flut, die Atlantis später vernichtet, zerstört auch Athen. Die Menschen werden in ein dunkles Zeitalter zurückgeworfen und verlernen das Lesen und Schreiben. Dies ist nach Platon der Grund, warum die Atlantis-Geschichte lediglich im von der Flut verschonten Ägypten überliefert worden sei.

Die beiden Atlantis-Dialoge „Timaios“ und „Kritias“ sind nur Teile eines zunächst offenbar umfangreicheren Plans. Der Dialog „Timaios“ schließt sich unmittelbar an den Dialog „Politeia“ an, dessen Ergebnisse er rekapitulierend aufgreift. Der „Kritias“ bricht unvollendet ab und den im „Timaios“ angekündigten Dialog des Hermokrates schrieb Platon gar nicht mehr. Es ist nicht überliefert, aus welchen Gründen Platon die Arbeit am Komplex Atlantis nicht abschloss. Als letzter Dialog dieser Reihe kann „Nomoi“ gelten, der das Ende der letzten Naturkatastrophe im Sinne von „Timaios“ und „Kritias“ als Anknüpfungspunkt der Erörterung wählt.

Deutung

Darüber, dass Atlantis eine Erfindung Platons sei, besteht in der Wissenschaft größtenteils Einigkeit. Auf die Frage, was Platon mit seiner Erzählung sagen wollte, gibt es jedoch sehr unterschiedliche Antworten. Die Dialoge „Timaios“ und „Kritias“ sind als Ergänzung und Fortsetzung der „Politeia“ geschrieben. Die Atlantis-Erzählung diente demnach dazu zu demonstrieren, dass der ideale Staat sich in der Praxis bewährt. In diesem Kontext ist die Erzählung von Atlantis zu verstehen. Es handelt sich bei dieser Erzählung um einen platonischen Mythos, und somit nur eine von vielen fiktiven und mythischen Darstellungen, die Platon in seinen Werken erwähnt. Der Zweck dieses Mythos ist es, eine zuvor diskutierte Theorie auf eine praktische Ebene zu heben, um so ihre Funktionalität und Richtigkeit zu bestätigen. So wird etwa am Ende der „Politeia“, nachdem die Frage ‚Was ist Gerechtigkeit?‘ diskutiert wurde, von Sokrates die (scheinbare) Bestätigung der Thesen gebracht, in dem er die „wahre“ Geschichte vom Pamphylier Er erzählt (Pol. 614b). Dieser habe in einer Art Nahtoderfahrung die Unterwelt gesehen, und wusste anschließend zu berichten, dass gerechte Menschen nach dem Tod zehnfach belohnt würden, ungerechte Menschen jedoch zehnfach bestraft. Bei Atlantis ist es die Theorie vom Idealstaat, die einer realen Bestätigung bedurfte. Am Anfang steht der Wunsch des Sokrates, den Idealstaat einmal in „Bewegung“ zu sehen. Zu diesem Zweck wurde der Mythos vom einst in Athen existierenden Idealstaat und dem mächtigen Gegner Atlantis erfunden, mit einer pseudohistorischen Überlieferung ausgestattet und dem Erzähler Kritias in den Mund gelegt. Wie jeder platonische Mythos erhebt auch die Atlantis-Erzählung den Anspruch auf Wahrheit, jedoch nicht im Sinne von „historisch wahr oder unwahr“ sondern im Sinne einer philosophischen Wesenswahrheit.

Nicht grundlos hat Platon die Gegner Athen und Atlantis diametral gegensätzlich entworfen. Auf der einen Seite die kleine wehrfähige Landmacht, auf der anderen Seite die an ihrem Expansionsdrang zerbrechende Seemacht. Dieser bewusste Gegensatz kann als politische Allegorie auf die expansive Seemachtspolitik des realen Athens verstanden werden. Platon hatte 404 v. Chr. die Niederlage seiner Heimatstadt im Peloponnesischen Krieg miterleben müssen, der einst durch das Hegemoniebestreben der Athener in der Ägäis ausgelöst worden war. Wenige Jahrzehnte später, als Athen wieder einen Teil seiner ehemaligen Macht zurückgewonnen hatte, wurde der einst in Folge der Niederlage aufgelöste Attische Seebund – wenn auch nicht in gleicher Dimension – neugegründet. Platon könnte befürchtet haben, dass Athen diese Fehler wiederhole und auf eine vergleichbare Katastrophe zusteuere. Um dem entgegen zu wirken, um seine Mitbürger eines Besseren zu belehren, könnte Platon die Geschichte von der an Expansionismus zugrunde gegangenen Seemacht Atlantis und der siegreichen Landmacht Ur-Athen erfunden haben. „Er zeigte die Gefahren auf, die eine solche imperialistische Seemacht erwarten […], und er versuchte sozusagen den quasi-historischen Beweis zu erbringen, dass ein Staat, der wie sein Idealstaat eingerichtet war, sich in einer solchen Lage überzeugend bewähren würde“ .

Der Umstand, dass im Atlantis-Mythos Ur-Athen über tausend Jahre älter sei als Ägypten, und zudem die Göttin Athene-Neith beide Gesellschaftsordnungen begründete, ist als Antwort Platons auf den Vorwurf des Plagiats zu verstehen. Dies hängt mit Platons Werk über den Idealstaat – „Politeia“ – zusammen. Ein Kritiker Platons, Isokrates, schrieb als direkte Reaktion auf die „Politeia“ eine Schrift mit dem Titel „Busiris“, in der der gleichnamige – nur in der griechischen Mythologie existierende – ägyptische König in seinem Land eine Gesellschaftsordnung einrichtet, die der des platonischen Idealstaat vorweggenommen zu sein scheint. Platon habe nun darauf mit einem Mythos geantwortet, laut dem nicht in Ägypten, sondern in Athen zuerst der Idealstaat existierte. Und zudem sind es gerade ägyptische Priester, die den Griechen diese Erkenntnis bringen.

Platons „Konkurrenz“ zu Homer kann als Grund für die fingierte Überlieferungsgeschichte angesehen werden. Schon in der „Politeia“ schrieb Platon von dem „alten Streit zwischen Dichtung und Philosophie“ (Politeia 607b). In seinem Anspruch, die mythisch-poetischen Werke Homers durch seine eigenen, philosophisch durchdachten Mythen wie Atlantis zu „ersetzen“, beruft sich Platon eben nicht wie der Dichter auf Musen, sondern auf eine scheinbar historische Überlieferungen (deren Ursprung jedoch absichtlich so weit im Dunkeln liegt, dass sie unmöglich überprüft werden könnten). Im „Timaios“ spricht Kritias davon, dass Solon ursprünglich plante, den Stoff „Atlantis“, den er in Ägypten vernahm, künstlerisch zu verarbeiten. Er wurde jedoch davon abgehalten, da man ihn in Athen als Politiker gebraucht habe – was allerdings chronologisch nicht möglich ist, da Solon erst nach seiner „politischen Karriere“ Ägypten besuchte. Hätte er den Atlantis-Mythos in Poesie verwandelt, so ist sich Kritias sicher, hätte dieses Werk die Homerischen Epen Ilias und Odyssee weit überstrahlt (Tim. 21d).

Inspirationen und Vorbilder

Das Vorbild für „Ur-Athen“ war Platons wichtiges Werk „Politeia“, d.h. das darin erörterte Konzept vom idealen Staat. Schon allein daran ist der fiktive Charakter der gesamten Erzählung erkennbar, zumal nach heutigem Kenntnisstand in Athen nie – von der Frühzeit bis in die Klassische Zeit – diese besondere Kombination von politischen, sozialen und militärischen Elementen bestanden hat. „Ur-Athen“ ist eine offensichtliche Kreation Platons. Eine gewisse Orientierung der Landmacht „Ur-Athen“ an der realen Landmacht Sparta scheint auch denkbar, obgleich Platons Idealstaat ohnehin keine Seemachtspolitik betreibt. Die Beschreibung der fruchtbaren Böden Attikas zu Zeiten „Ur-Athens“ basiert auf der zu Platons Zeiten gängigen Annahme, nach der die isolierten Felsen wie Akropolis und Lykabettos Überreste einer einstigen Hochebene seien, deren „weiche“ Anteile an fruchtbarer Erde einst durch Regen und Fluten erodiert sein. Einer vergleichbaren Theorie liegt die Lage Atlantis' jenseits der „Säulen des Herakles“ zugrunde; so wurde zu Platons Zeiten – entsprechend der Berichte bei Herodot (Hdt. II 102,1–2; Hdt. IV 43) – angenommen, das Meer jenseits der Säulen sei schlammig, zähflüssig und unbefahrbar. Platon erklärt diesen Umstand mit dem Untergang einer Landmasse.

Für den Gegenspieler zum Idealstaat „Ur-Athen“ bediente sich Platon realer Vorbilder aus seiner Zeit. Allgemein wird angenommen, dass Atlantis von ihm wie ein Mosaik aus verschiedenen Elementen von verschiedenen Vorbildern „zusammengesetzt“ wurde. Platons Intention war es dabei, ein Bild von Atlantis zu zeichnen, das der Leser mit zeitgenössischen Feinden der Griechen assoziiert. So mag Platon bewusst das Perserreich als Muster für die politische Struktur von Atlantis genommen haben. Die Organisation der Königsmacht in Atlantis, mit einem „Oberkönig“ und neun „Unterkönigen“, erinnert stark an die persische Hierarchie von Großkönig und ihm untergeordneten Satrapen. Ebenso scheint die persisches Sommerresidenz Ekbatana, bzw. ihre Beschreibung bei Herodot, eine Vorlage für die Beschreibung der Hauptstadt von Atlantis zu sein; während bei Platon von drei konzentrischen Wasseringen um die Akropolis die Rede ist, beschreibt Herodot die Stadtbefestigung von Ekbatana mit „insgesamt sieben Mauerringen“, und zwar „jeweils einen Mauerring im anderen“ (Hdt. I 98,3–6). Für die Hafenanlage könnte unterdessen Karthago als Modell benutzt worden sein. Dem Handlungskern der Atlantis-Geschichte, nämlich dem gescheiterten Angriff Atlantis auf Athen, dürften die Perserkriege und dabei insbesondere die Konstellation der Schlacht von Marathon (490 v. Chr.) als Vorbild gedient haben. In beiden Fällen schlug das relativ kleine Athen, ganz auf sich gestellt, eine angreifende Übermacht und bewahrte so ganz Griechenland vor der Unterwerfung. Der fehlgeschlagene Eroberungszug der Seemacht Atlantis könnte aber auch als Reflexion der Sizilienexpedition verstanden werden, in welcher die übermütigen Pläne der Seemacht Athen, ganz Sizilien und anschließend Karthago zu unterwerfen, scheiterten.

Für den charakteristischen und bis heute faszinierendsten Bestandteil der Atlantislegende – den Untergang des Inselreichs in Folge einer Naturkatastrophe – könnte die Stadt Helike als Inspiration gedient haben. Diese einst sehr reiche Stadt an der Nordküste der Peloponnes versank im Winter des Jahres 373 v. Chr. in den Fluten eines Tsunami, der durch ein heftiges Erdbeben im Korinthischen Golf ausgelöst worden war. Diese Katastrophe, bei der nahezu alle Bewohner Helikes ihr Leben verloren, fand in der Antike einen starken Nachhall (bspw. bei Diod. XV 48,1–3). Wie auf Atlantis wurde in Helike ein Poseidonkult betrieben; vor dem großen Tempel des Poseidon Helikonios stand einst eine monumentale Weihestatur des Meeresgottes, die selbst nach dem Untergang der Stadt noch von der Wasseroberfläche aus zu sehen gewesen sein soll. Wie Atlantis schien auch Helike durch die „Macht“ desjenigen Gottes untergegangen sein, den sie eigentlich veehrte. Neben der Helikeflut ereignete sich zu Platons Lebzeiten eine weitere schwere Flutkatastrophe. Diese folgte 426 v. Chr. einem Erdbeben im Golf von Euböa und zerstörte die Stadt Orobiai sowie eine Insel namens Atalante (Thuc. III 89). Aufgrund der Namensähnlichkeit wurde diese Insel Atalante von manchen Forschern als Vorbild für das Untergangsszenario von Atlantis betrachtet, jedoch wird aufgrund der verheerenderen Folgen sowie der zeitlichen Nähe zur Niederschrift von „Timaios“ und des „Kritias“ eher Helike als Vorbild angesehen.

Der französische Historiker Pierre Vidal-Naquet sieht Atlantis als Analogie zu Ur-Athen und somit zur Kosmologie des Timaios-Dialoges. Ur-Athen entspräche in diesem Sinne dem "Seienden", Atlantis hingegen dem "Werdenden". Zugleich spiegele Atlantis das dekadente Athen seiner Zeit wieder. Ähnlichkeiten zu Herodots Persien und zu Homers Scheria spielen laut Vidal-Naquet nur am Rande eine Rolle. Eine Analogie zu den Perserkriegen schließt er aus. Vidal-Naquet glaubt in Atlantis die Stadtanlagen von Ekbatana, Babylon, Scheria, Athen und Susa wieder zu erkennen.

Der deutsche Altphilologe Nesselrath dagegen sieht in Atlantis Parallelen zu den Stadt- bzw. Hafenanlagen von Ekbatana, Babylon und Karthago. Weiter meint er, Analogien zu Herodots Beschreibung der Perserkriege und Homer identifizieren zu können. Eine kosmologische Deutung im Sinne Vidal-Naquets vertritt er dagegen nicht.

Umstritten ist in der Forschung, ob und inwiefern es eine Inspiration des Atlantis-Mythos durch ägyptische Quellen gegeben hat. Einige, wie etwa William Heidel, deuteten gerade die angebliche Überlieferung in Ägypten als Hinweis auf den fiktiven Charakter der Atlantis-Geschichte, und verwiesen dabei auf die Worte im „Phaidros“: „O Sokrates, mit Leichtigkeit erdichtest du Geschichten aus Ägypten oder sonst einem Land, woher auch immer du willst“ (Phaidros 275 B). Andere, die dennoch den fiktiven Charakter von Atlantis betonten, wie etwa Thomas Henri Martin und Alexander von Humboldt, hielten eine ägyptische Tradition als Kern des Mythos für wahrscheinlich, und somit auch die Überlieferung vom Ägyptenreisenden Solon zum Erzähler Kritias. Während dies noch im Bereich des Möglichen liegt, ist eine – wie von Platon beschriebene – 9000 Jahre alte Überlieferung in Ägypten jedoch unmöglich. Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft reicht die ägyptische Kultur nicht weiter als bis ins dritte vorchristliche Jahrtausend zurück, während es im zehnten Jahrtausend v. Chr. noch von Jägern und Sammlern bewohnt war. Es scheint zudem auch unwahrscheinlich, dass es eine Überlieferung von Solon († um 560 v. Chr.) zu Kritias († 403 v. Chr.) gegeben hat, da Atlantis in diesen mehr als 150 Jahren von keinem einzigen griechischen Schriftsteller genannt wird. Würde es sich bei dem Sieg über Atlantis wirklich um eine der „größten Heldentaten Athens“ handeln, müsste sie zumindest in einer der zahlreichen „Leichenreden“, in denen zu Ehren Verstorbener die große Geschichte Athens resümiert wurde, Erwähnung finden. Doch in keiner der bis heute überlieferten Reden findet sich eine Erwähnung von Atlantis. Nicht einmal in der von Platon geschriebenen Leichenrede im „Menexenos“ wird Atlantis genannt. Ohnehin sind die Aussagen der Personen in Platons Dialogen nicht authentisch, sondern frei vom Autoren erfunden.

Theorien einer vorplatonischen Atlantis-Überlieferung

Da auffallende Ähnlichkeiten zwischen der Schilderung eines atlantischen Königsrituals – Stiere „ohne Waffen, aber mit Stäben und Schlingen zu jagen“ (Kritias 119d-e) – und der Darstellung minoischer Stierkämpfe existierten, hält John V. Luce die Einbettung einer ägyptischen Überlieferung von den Minoern in Platons Atlantis-Bild für wahrscheinlich. Er geht dabei davon aus, dass Platon selbst in Ägypten diese Überlieferung gesehen habe. Als problematisch gilt an dieser Theorie jedoch – abgesehen davon, dass Platons Ägyptenreise umstritten ist –, dass Platon keine ägyptischen Hieroglyphen lesen konnte, und er somit auf einen ägyptischen Übersetzer angewiesen wäre. Dieser hätte ihm ebenso Unwahrheiten mitteilen können, wie dies Herodot geschah, als ihm sein ägyptischer Dolmetscher berichtete, auf der Cheopspyramide fänden sich Angaben über den Zwiebel-, Rettich- und Knoblauchverbrauch der benötigten Arbeiter (Hdt. II 125).

Eine vergleichbare Theorie liefert Herwig Görgemanns. Er behauptet, die von Platon erwähnte Verbrüderung der Ägypter mit den „Ur-Athenern“ sei von einem ägyptischen Bericht beeinflusst. Dieser basiere auf der Überlieferung der Seevölkerinvasion des 13./12. Jahrhunderts v. Chr. und sei durch eine angeblich schon damals existierende Verbrüderung der Ägypter und Athener gegen die „Feinde aus dem Westen“ ergänzt worden. Als sich Ägypten im 4. Jahrhundert v. Chr. von der persischen Herrschaft zu lösen begann, bekam es zunächst 386 bis 380 v. Chr. Unterstützung aus Athen durch den Athener Feldherrn Chabrias. Dies fand in Athen nicht nur Zustimmung, und so wurde 362/61 v. Chr. (unmittelbar vor der Entstehung des „Timaios“) eine Gesandtschaft nach Athen geschickt, die für eine Athenisch-Ägyptische Allianz werben sollte und dabei (laut Görgemanns) die veränderte Überlieferung des Seevölkersturms in Athen verbreitete. Und eben dieses Element habe Platon dann im Atlantis-Mythos verarbeitet. Jedoch ist auch diese Argumentation insofern lückenhaft, als dass Platon vermutlich nicht der einzige gewesen wäre, der diese Geschichte vornommen hätte, hätte diese Gesandtschaft in der Tat davon berichtet.

Neben diesen eher ergänzenden Theorien zu Platons Erfindung von Atlantis gibt es zahlreiche Hypothesen, die Atlantis an einem konkreten Ort vermuten sowie dessen Untergang als ein konkretes Ereignis annehmen. Ihnen liegt die gemeinsame Auffassung zugrunde, Platons Erzählung beruhe auf einer tatsächlichen Überlieferung oder enthalte zumindest einen historischen Kern. Gleichzeitig setzen die meisten Theorien voraus, dass Platons örtliche und zeitliche Angaben zu Atlantis falsch bzw. in der mutmaßlichen Überlieferung verzerrt worden sind.

Bislang blieben diese Lokalisierungen immer Hypothesen einzelner Personen. Die frühen Theorien – die Atlantis auf Helgoland, den Kanarischen Inseln oder Kreta ansiedelten– werden heute von keinem Wissenschaftler mehr vertreten. Zu den jüngeren Theorien gehört die Hypothese des Geoarchäologen Eberhard Zangger, es handele sich bei Atlantis um eine verzerrte Darstellung von Troja sowie die Vermutung von Siegfried und Christian Schoppe, die eine Verbindung herstellen zwischen Atlantis und der Flutung des Schwarzmeerbeckens um 5600 v. Chr; dieser Hypothese zufolge gehe die Atlantis-Erzählung auf den Untergang einer hypothetischen Kultur im Nordwesten des Schwarzen Meeres zurück.

Althistoriker und Philologen kritisieren bis heute sämtliche Lokalisierungsversuche als Fehlinterpretationen, die eine falsche Vorstellung von Platons Intention offenbarten. Atlantis sei „eine reine Fiktion, der keinerlei geschichtliche oder naturwissenschaftliche Kenntnisse zugrunde liegen“ (Meyer).

Wirkungsgeschichte

Antike

Kaum ein antiker Bericht hatte eine ähnlich intensive Nachwirkung wie Platons Schilderungen von „Atlantis“. Seit vielen Jahrhunderten dient das fabelhafte Inselreich Utopisten als Inspiration und wird von Archäologen gesucht. Auch die Unterhaltungsindustrie entdeckte den Stoff als zugkräftiges Sujet. Während heute jedoch oft unkritisch ein realer Hintergrund der Geschichte angenommen wird, war das Publikum in der Antike deutlich skeptischer. Praktisch keiner von Platons Zeitgenossen hielt die Atlantis-Geschichte für „wahre Historie“, denn auch nach der Veröffentlichung von „Timaios“ und „Kritias“ wurde die Abwehr des atlantischen Angriffs in keiner Aufzählung der Heldentaten der Athener erwähnt. Platons bekanntester Schüler, Aristoteles, gehört zu den ersten Kritikern der Atlantis-Erzählung und wird mit den Worten „Er, der diese Insel erfand, ließ sie auch verschwinden“ bei Strabon (II 3,6) zitiert.

Als Vorlage für Utopien fand Atlantis jedoch bereits in der Antike Verwendung. So etwa bei Euhemeros von Messene, dessen fiktive Insel Panchaia sowohl Ähnlichkeiten zu Atlantis wie zu „Ur-Athen“ zeigt (Diod. 5,41–46). Panchaia sei eine außergewöhnlich fruchtbare Insel, auf der die Gesellschaft – wie auf Atlantis – in drei Klassen eingeteilt werde. In der Mitte der Insel fände sich ein großer Tempel, der Zeus geweiht gewesen sei. Ein anderer antiker Autor, Theopompos von Chios, persifliert Platons Atlantis-Erzählung in seinem Werk „Philippika“. Darin wird von einem Land namens Meropis jenseits des Atlantischen Ozeans berichtet, von wo aus ein Heer mit zehn Millionen Soldaten aus der Stadt der Krieger („Machimos“) ausrückt, um die Hyperboreer auf der anderen Seite des Ozeans zu unterwerfen (FGrHist 115, F 75). An die Stelle von Solon und dem Priester von Sais treten bei Theopompos der mythische König Midas und ein Silen.

Der Philosoph Krantor von Soloi, der den ersten Kommentar zu Platons „Timaios“ verfasste, soll auch der erste gewesen sein, der die ägyptische Tradition der Atlantis-Überlieferung nachweisen konnte. In seinem nur fragmentarisch bei Proklos erhaltenen Werk berichtet er, die Stelen mit der ägyptischen Version des Atlantis-Berichts in Sais vorgefunden zu haben (FGrHist 665, F 31). Dies wurde bis heute von einigen Forschern als ein Beweis für die ägyptische Tradition der Atlantis-Geschichte eingeschätzt. Krantors Bericht gilt der Mehrheitsmeinung jedoch insofern als unglaubhaft, als dass er von Inschriften auf Stelen (st??a?) spricht, während im „Timaios“ von schriftlichen Darstellungen die Rede ist, die man „zur Hand nehmen“ (t? ???µµata ?aß??te? – Tim. 24a) könne, also beispielsweisePapyrusrollen.

Die Frage, ob es sich bei Atlantis um eine reale Geschichte handelt, wird auch von späteren Autoren diskutiert, etwa von Poseidonios, der bei Strabon zitiert wird (Strab. II 3,6). Während Plinius noch Zweifel an der Authenzität der Geschichte als ganzes äußert (nat. II 92,205), hält Plutarch zumindest die ägyptische Tradition für möglich, will sich aber ansonsten nicht festlegen, ob es sich um Mythos oder Wahrheit handele (Plut. Solon 31). Weitere Autoren, wie etwa der Kirchenvater Tertullian, nutzen Atlantis ohne Vorbehalt als historisches Paradigma. Nachdem jedoch noch im 6. Jahrhundert der Byzantiner Kosmas Indikopleustes den fiktionalen Charakter des Atlantis-Berichts festhielt, geriet er schließlich im europäischen Mittelalter in Vergessenheit.

Neuzeit

In der frühen Neuzeit wurden die alten römischen und griechischen Manuskripte von den Gelehrten wiederentdeckt, und so verbreitete sich auch die Geschichte von Atlantis erneut. Besonders mit der Entdeckung Amerikas 1492 bekam die Atlantis-Legende eine gewisse Bestätigung, da man annahm, Amerika sei wenigstens der Überrest des versunkenen Kontinents. Bartolomé de Las Casas schrieb in seinem Werk „Historia general de las Indias“ dazu: „Kolumbus konnte vernüftigerweise glauben und hoffen, dass, obgleich jene große Insel verloren und versunken war, andere zurückgeblieben sein würden oder wenigstens das Festland und dass, wenn man sie suchte, man sie finden würde.“ Auch Girolamo Fracastoro, bekannt für seine Beschreibung der Syphilis, setzte Amerika und Atlantis gleich.

Eine Reihe von Philosophen der frühen Neuzeit nahm die platonische Methode der Sozialkritik durch eine Scheingeschichte auf. Als erster tat dies 1516 der Engländer Thomas Morus mit seinem Werk „Utopia“. Während sich bei Morus lediglich Anlehnungen an Platons „Politeia“ finden, bezogen sich die Utopisten der Folgezeit explizit auf den platonischen Mythos von Atlantis. So nahm etwa ein Jahrhundert nach Morus' Utopia der italienische Dominikanermönch Tommaso Campanella Atlantis sowie die Beschreibung des Iambulos zum Vorbild, um eine eigene Staatsutopie zu erschaffen. Diese heißt in der italienischen Fassung „Città del sole“ und benutzt ebenfalls die Form des Dialoges, in diesem Fall zwischen einem weitgereisten genuesischen Admiral und einem Hospitaliter. Campanellas fiktiver Sonnenstaat ist auf der realen Insel Taprobane (heute Sri Lanka) angesiedelt. Insbesondere bei der Beschreibung der Stadt orientiert sich Campanella an Platons Beschreibung von Atlantis im „Kritias“: „In einer weiten Ebene erhebt sich ein gewaltiger Hügel, über den hin der größere Teil der Stadt erbaut ist. Ihre vielfachen Ringe aber erstrecken sich in eine beträchtliche Entfernung vom Fuße des Berges. [...] Sie ist in sieben riesige Kreise oder Ringe eingeteilt, die nach den sieben Planeten benannt sind“.

Beinahe zeitgleich zu Campanella, um 1624, schrieb in England Francis Bacon an seiner Utopie „Nova Atlantis“, die sich schon im Titel auf Platon bezieht. Er benutzt Atlantis dabei als historischen Fakt und identifiziert es mit Amerika, um somit seiner eigenen Utopie eine scheinbare Glaubwürdigkeit zu geben. Eine Sintflut habe einst das „alte Atlantis“ bis auf wenige Überlebende vernichtet. Bacons „neues Atlantis“ ist eine Südsee-Insel namens Bensalem, auf welcher – Platon sehr ähnlich – eine hierarchische, monarchistische Staatsordnung, patriarchalische Familienstruktur und christliche Sittenstrenge zu finden sind [5. 188f.]. Herrschaftszentrum sei das „Haus Salomon“, in welchem ein gotterwählter, „ehrwürdiger Vater“ thront. Bacons Werk blieb unvollendet und wurde erst nach seinem Tod durch William Rawley veröffentlicht. Laut Rawley ist der frühe Tod Bacons der Grund dafür, warum darin keine Sozialkritik zu finden ist [10. 89].

Im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts wird Atlantis zunehmend von Gelehrten zum Ursprung der menschlichen Zivilisation erklärt. Damit wurde das Inselreich für das „Einflechten“ in eigene nationale Mythen interessant. Nachdem zunächst in Amerika die Überreste der versunkenen Insel gesehen wurden – womit sich der Anspruch der spanischen Conquista rechtfertigen ließ – begann Ende des 17. Jahrhunderts der Gelehrte Olof Rudbeck, seine schwedische Heimat und insbesondere die Stadt Uppsala als Platons Atlantis zu propagieren [8. 219]. Drei zwischen 1675 und 1698 erschienene Bände widmete er diesem Thema. Während der Französischen Revolution wurde schließlich Sibirien durch Jean-Sylvain Bailly zum Ursprungsland der Kultur erklärt und mit Platons Atlantis gleichgesetzt.

Rudbeck war somit auch einer der ersten, die Atlantis – bzw. dessen mutmaßliche Lokalisierung – für politisch-ideologische Zwecke vereinnahmten. In ähnlicher Weise instrumentalisierten die deutschen Nazis später die Theorie von Spanuth, wonach sich Atlantis bei Helgoland befunden habe. Die Nazi-Ideologie machte somit aus Atlantis die angebliche Urheimat der Arier.

Mitunter wird Atlantis als Synonym für eine reiche und mächtige Kultur gebraucht, die plötzlich und unerwartet unterging. So sprach beispielsweise Thomas Edward Lawrence von der einst prachtvollen, jedoch später versandeten südarabischen Metropole Ubar als „Atlantis der Wüste“ (engl. „Atlantis of the Sands“). Auch der sagenhafte, untergegangene Ostseehafen Vineta wird gelegentlich als „Atlantis des Nordens“ bezeichnet. In Belletristik und Esoterik ist kaum mehr als diese Versinnbildlichung Atlantis geblieben, die seit etwa 1850 von Schriftstellern verstärkt aufgegriffen wird. In Jules Vernes 20.000 Meilen unter dem Meer etwa besuchen Kapitän Nemo und Professor Aronnax die Ruinen von Atlantis am Meeresgrund. Auch in Film und Fernsehen kam es zu zahlreichen Adaptionen von Atlantis, zuletzt in der Idee einer versunkenen, aber immer noch existierenden Zivilisation in Walt Disneys Atlantis – Das Geheimnis der verlorenen Stadt.

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