Hans stand wie jeden Morgen auf der Terrasse im ersten Stock seines Hauses und sah auf die Nordsee hinaus. Die Sonne zeigte sich noch nicht lange, und auf dem Strand kroch der Nebel wie ein Überrest der Nacht umher. Die aromatische Luft war noch voller Dunkelheit, Ruhe und Erinnerung, so wie es ihm gefiel. Es kam ihm vor, als sähe er in den Moment zwischen Schlafen und Wachen, in dem die Nacht ihn verlässt und der Tag noch ein Traum ist. Die Düfte, die ihn erreichten, konnte er nie einen Namen geben, zu unbekannt waren sie ihm; und ganz zwangsläufig drängten sich ihm Bilder der unbekannten Ursprungsländer auf, die eine paradiesische Verheißung zu sein schienen. Dabei war auf der anderen Seite des Wassers nur England, ein Land voller Regen, Wind und Hammel in Minzsoße, so wusste er zumindest vom Hörensagen.
Der schmale Strand zeigte ihm noch die Fußspuren seines gestrigen Ausfluges in die höher gelegenen Dünen. Es muss in der Nacht windstill gewesen sein, da seine Abdrücke noch immer im feuchten Sand sichtbar waren. Waren sie am nächsten Tag vom Wasser weggespült worden, machte sich bei ihm stets Enttäuschung breit, da sie doch ein eindeutiges Zeichen von selten gewordenem Leben in dieser leeren Welt, in der sein Haus als letztes Mahnmal einer vergangenen Zeit einsam in den spärlich mit Gras bewachsenen Dünen waren. Er hatte es mit seinen eigenen Händen und wenigen beinahe steinzeitlichen Mitteln, die ihm einzig zur Verfügung standen, erbaut. Der befriedigende Augenblick der Fertigstellung kam ihm eigentlich noch nicht so lange her vor, wie es ihm der Kalender unmissverständlich darbot. Da er aber vor Kurzem das dreißigste Jahr hinter sich gelassen hatte und alles, was vorher geschah, ihm unendlich lange her vorkam, schien ihm die wettergegerbte Außenfassade wie ein Relikt aus längst vergangenen Tagen. Da sich aber in den letzten Jahren kaum etwas verändert hatte in seiner Umgebung, traute er seinem Zeitgefühl nicht mehr über den Weg. Zu oft schon hatte es ihn im Stich gelassen und Adina, seine Frau, musste ihm peinlicherweise seinen Irrtum schonungslos, wie es ihre Art war, vor Augen führen. Er hatte längst aufgegeben, alle Schäden reparieren zu wollen. Es waren einfach zu viele, die die salzigen und sandigen Winde der Nordsee mit den Jahren dem Haus zugefügt hatten. Der Wind hatte sich als ein zu starker Gegner erwiesen. Es war noch gar nicht so lange her, als Hans die Küste hinter den flachen Hügeln in der Umgebung kaum erkennen konnte. Er hätte schon direkt auf das Dach steigen müssen, um sie deutlich sehen zu können, was er auch der Kontrolle halber des Öfteren getan hatte, aber jetzt sickerte das steigende Wasser bereits in alle Täler und sprengte den Asphalt der seit langem verwaisten Straßen. Mit seinem Auto, das hinter dem Haus eilig dem Rost anheimfiel, war er mehrere tausend Kilometer auf diesen Straßen unterwegs gewesen, als sie noch befahrbar und belebt waren. Wann das war, konnte ihm sein verlorengegangenes Zeitgefühl nicht mehr sagen. Er war zu den entlegensten Gebieten, bis zum Nordkap und nach Griechenland gefahren und die ganze Nordseeküste entlang. Aber die Erinnerung daran war schon zu sehr verblasst, als dass er noch einmal die Motivation hätte aufbringen können, das Wrack instand zu setzen und sich auf große Fahrt zu begeben. Wahrscheinlich hätte er gar nicht gewusst, wie er es hätte anstellen sollen, es zum Laufen zu bringen.
Die saftigen Wiesen, auf denen früher seine Kühe standen, waren zu einem Sumpfgebiet geworden, das niemand mehr gefahrlos betreten konnte. Die Kühe waren eine fixe Idee von ihm, die ihn eines Tages grundlos und unbezwingbar überfiel. Die bäuerlichen Anwandlungen, die er durchaus genoss, ohne eine einleuchtende Erklärung dafür abgeben zu können, verursachten bei vielen, allen voran Adina, nur Kopfschütteln, obwohl sie die Milch dankbar angenommen hatte. Er sah die Tiere herrenlos in den Dünen umherwandern, fing sie ein und ließ sie in einem großen umzäunten Gebiet grasen. Aber sehr bald hatte das steigende Wasser die Erde unfruchtbar werden und das Gras nicht mehr wachsen lassen. Da verließ ihn die Begeisterung so schnell, wie sie gekommen war, und die Kühe spazierten seitdem wieder ziellos die Dünen und die Straßen entlang und wirkten so verloren und fehl am Platz wie er selbst und sein Haus.
Immer, wenn er, wie jetzt, in der morgendlichen Frische stand, träumte er davon, mit einem der Schiffe, die beinahe täglich hier ankamen, mitzufahren, egal wohin. Er hätte auch das Deck geschrubbt oder Kartoffeln geschält, wenn er die Fahrt nicht hätte bezahlen können, was sehr wahrscheinlich der Fall gewesen wäre. Aber jedesmal, wenn sich die Gelegenheit bot, machte er einen Rückzieher und sah den Schiffen vom Strand aus zu, wie sie am Horizont in fremde Welten verschwanden.
Von unten hörte er Adina, wie sie für die beiden Holländer, die mit dem gestrigen Schiff ankamen, das Frühstück machte. Es waren diesmal nur sehr wenige Flüchtlinge an Bord des ehemaligen Ausflugsdampfers, der nicht weit vor seinem Haus auf Grund gelaufen war. Nur mit viel Mühe und der Hilfe der Flut konnte er wieder flottgemacht werden. Er hinterließ ein tiefes Loch im Sandboden des Strandes und einen Ölfilm, der sich langsam auf ihm ausbreitete. Er bezweifelte, dass das Schiff jemals irgendeinen Hafen erreichen würde; zu verrostet präsentierte es sich ihm. Die vielen Löcher waren notdürftig mit aufgenagelten Lederfetzen oder Brettern abgedichtet, und das wacklige Ruder dirigierte es in Richtungen, die nicht mal ein erfahrener Kapitän hätte voraussagen können. In diesem Moment konnte es bereits auf dem Grund des Meeres liegen und seine Besatzung ein dankbares Fressen für die Haie sein, die sich in den letzten Jahren sogar bis an die norddeutsche Küste verirrt hatten.
Er wusste nicht, ob es irgendwo überhaupt noch einen Hafen gab, den man hätte ansteuern können. Seit Jahren hatte er sich nicht weiter als einige Kilometer von seinem Haus entfernt. Er sah keinen Grund mehr dafür. Es gab nichts weiter zu sehen, als noch mehr Land, noch mehr Rost und noch mehr Gras...
Am Sonnenstand, der einzigen Zeitmessung, die noch möglich war, nachdem alle batteriebetriebenen Uhren ihren Geist aufgegeben hatten, erkannte er, dass es wieder an der Zeit war, dass ein Schiff eintraf, das einen neuen Schwung Flüchtlinge aus Holland an seinen Strand bringen würde. Er hatte bisher noch nicht herausfinden können, warum in Holland offenbar die Meinung vorherrschte, dass an dieser Stelle des früheren Deutschlands das Paradies vermutet wurde, das unbedingt angesteuert werden musste. Die beinahe tägliche Invasion der Schiffe aus den überschwemmten Regionen, deren menschliche Fracht energisch und oft bedrohlich Einlass begehrte, machte ihm nichts mehr aus. Sie war längst zur Gewohnheit geworden. Nur seine Frau konnte sich einfach nicht an sie gewöhnen. Die Flüchtlinge erwarteten Übernachtungsmöglichkeiten in warmen Betten und ein Frühstück mit Rührei und Speck, so wie es ihnen offenbar von phantasiebegabten Märchenerzählern in ihrer Heimat berichtet wurde. Adina tat, was sie konnte, um diesen Erwartungen gerecht zu werden, aber die Möglichkeiten, die ihr zur Verfügung standen, erlaubten es ihr nicht, der großen Flut der Flüchtlinge eine ausreichende Mahlzeit zur Verfügung zu stellen. Hans ärgerte dieses unnötige Bemühen oftmals, da er kein gesteigertes Verlangen besaß, seine mühsam erkauften Lebensmittel an dahergelaufene Holländer zu verschwenden. Viele der Flüchtlinge verstanden das, aber manche reagierten aggressiv, da sie tatsächlich weit übertriebene Vorstellungen hatten, wie es in Deutschland zu dieser Zeit eigentlich zuging. In ihrem Land, das bereits zu Dreivierteln mit Wasser bedeckt war, wurde von einigen Eiferern die Hoffnung geschürt, dass sie nur an der nordfriesischen Küste und nirgendwo anders eine neue Heimat fänden, die ihnen einen neuen Start in eine glorreiche Zukunft bieten konnte.
Jeden Moment erwartete Hans das nächste Schiff, aber je länger er wartete, desto unwahrscheinlicher wurde es, dass am heutigen Tage noch eine Ladung Flüchtlinge am Strand anlanden würde, die in seinem Haus einfallen konnte. Er genoss die letzten kühlen Morgenwinde und ging hinunter zu seiner Frau. Alle anderen, die das gestrige Schiff verlassen hatten, waren bereits am Abend oder am frühen Morgen in eine ungewisse Zukunft aufgebrochen; nur diese beiden konnten sich nicht entschließen: Ein Mann und eine Frau; sie kauten so langsam auf ihren schon mehrere Tage alten Scheiben Brot herum, dass Hans beinahe der Drang überkam, sie jetzt endlich aus dem Haus zu werfen. Aber die Energie zu solch drastischen Maßnahmen hatte ihn bereits vor vielen Jahren verlassen.
Die beiden Flüchtlinge waren schon vor Sonnenaufgang aufgestanden, diskutierten dann eine Weile vor der Tür, und versuchten den nötigen Mut aufzubringen, in irgendeine Richtung loszugehen. Sie hatten schon ihre Rucksäcke über die Schulter geworfen, in denen ihre ganze verbliebene Habe verstaut war, schließlich kamen sie aber doch wieder ins Haus zurück und erbaten, mit Händen und Füßen gestikulierend, noch etwas essen zu dürfen. Da Adina niemals nein sagen konnte, suchte sie das letzte zusammen, was sie in ihren Schränken finden konnte, auch wenn sie selbst an diesem Morgen hungern musste.
Es war Ende September und schon sehr kalt, selbst für diese Jahreszeit. Der kleine Ofen, der in der Ecke vor sich hin rostete, musste die meiste Zeit über kalt bleiben, da es kein Holz mehr in ihrer Gegend gab. Hans hatte vor Jahren schon die letzten Bäume gefällt und verheizt. Bis auf einen, den er hatte stehen lassen. Es kam ihm so vor, als ob der Baum ihn flehentlich darum bat, überleben zu dürfen; alle Äste, alle Zweige schienen es ihm entgegen zuschreien. So verschonte er ihn, und der Baum dankte es ihm mit prächtigem Blätterwuchs in jedem Jahr. Seitdem mussten sie sich mit dem zufrieden geben, was das Meer ihnen als Treibholz anspülte, und das war nicht besonders viel. Hans lagerte das Holz, das meist aus den Überresten gesunkener Schiffe bestand, in seinem Keller, dem trockensten Ort den er finden konnte. Es dauerte trotzdem oft Monate, bis es trocken genug war, um ihm etwas Wärme zu entlocken, aber es war immer noch besser als nichts. Auch heute war es wieder eiskalt im Esszimmer. Adina zitterte, versuchte es aber vor ihren "Gästen", die beide einen struppigen Pelzmantel anhatten, so wenig wie möglich zu zeigen. Hans wurde von der Sonne und dem langen Marsch die Treppe hinunter gewärmt. Er sah in die offenstehenden Schubladen des Küchenschranks, die nur mehr Krümel und grünbemooste Brotreste beherbergten. Er atmete tief durch, bevor er sich zu Adina umdrehte. Er hatte keine Ware mehr, die er für Essen und Kleidung hätte eintauschen können. Für den nächsten Tauchgang zu dem bereits seit Jahrzehnten untergegangenen Sylt brauchte Hans eine neue Sauerstoffflasche, und die sollte erst in den nächsten Tagen eintreffen. Der Händler, bei dem er sie bestellt hatte, war alles andere als vertrauenswürdig, aber er war der einzige, der sie ihm beschaffen konnte. Er wusste zwar nicht, woher der Händler seine Ware bezog, aber das war ihm auch ziemlich gleichgültig. Selbst wenn er sie kleinen Kindern aus den Händen hätte reißen müssen, hätte er kein schlechtes Gewissen gehabt.
Adina stand stocksteif ein Stück vom Tisch entfernt, die Arme verkrampft vor der Brust verschränkt. Sie hatte immer noch zu viel Angst, sich den beiden zu sehr zu nähern. Sie versuchte sich an einem beschwichtigenden Lächeln, da sie den aufkommenden Ärger bei Hans bemerkte. Er setzte sich mit an den Tisch und beobachtete die beiden, die ununterbrochen miteinander sprachen. Holländisch verstand schon lange niemand mehr und so konnte er nicht mal entfernt ahnen, was sie so intensiv miteinander zu besprechen hatten. Nur die beängstigende Nähe von Flüchtlingen konnte Adina überhaupt noch zu einer Regung animieren, was Hans eigentlich freute, zeigte es ihm doch, dass noch ein Stück Leben in ihr steckte, wovon er nicht immer überzeugt war.
Dass sie das letzte Mal eine Reaktion gezeigt hatte, die nichts mit den Flüchtlingen zu tun hatte, war bereits einige Monate her, erinnerte er sich, während er die Holländerin so angeregt schwadronieren hörte. Adina hatte ein Metallteil im Sand des Strandes vor ihrem Haus gefunden, von dem sie nicht wusste, was es sein könnte, und da fing sie ganz unvermutet an zu weinen. Hans konnte sich das nicht erklären, aber sie wollte nicht weiter darauf eingehen, und er gab schließlich auf, weiter nachzufragen.
Er verstand nicht, was die Holländerin sagte, aber aus dem Klang der Worte und ihren ständig wechselnden Gesichtsausdrücken sprachen ein wacher Geist und ein brodelndes, wenn auch etwas primitives Leben. Die schlichte, latent aggressive Rückständigkeit, die Hans aus den Reaktionen der Holländer abzulesen glaubte, zeigte sich neben dem Fell ihrer Mäntel auch im Rest ihres Aussehens. Sie wirkten, als hätten sie eine Urwaldexpedition hinter sich, bei der sie sich furchtbar verirrt hatten. Zerrissene Hosen und Mützen, lange Haare, und der Vollbart des Mannes wucherten ungehemmt in alle Richtungen davon. Hans wusste nicht wie es in Holland zuging, aber wenn er die beiden sah, fand er es auch nicht besonders erstrebenswert, es herauszufinden.
Als die Holländer gegessen hatten, sahen sie Adina immer noch hungrig an. Sie schienen seit Wochen nichts vernünftiges mehr gegessen zu haben. Hans versuchte allen Flüchtlingen immer wieder eindringlich beizubringen, dass hier nicht das gelobte Land war, in dem Milch und Honig flossen, sondern dass das Salzwasser auch hier bald überlebensgroß eintreffen würde und dass sie diese Nachricht jedem, den sie treffen würden, mitteilen sollten. Aber es schien nichts genutzt zu haben. Die Schiffe kamen an und die Massen schwappten ins Land. Sie stapfen im Sumpf herum und suchten nach den blühenden Landschaften, die ihnen versprochen wurden.
Fragen konnte er ihnen auch nicht stellen, denn selbst als er sich vorgenommen hatte, wenigstens ein wenig holländisch zu lernen, fehlten ihm alle Mittel dafür. Es gab keine Bücher oder jemanden, der beide Sprachen beherrschte, denn die letzten Verbindungen nach Holland waren schon vor Jahren abgebrochen. Und Schulen, die deutsch unterrichteten, gab es auch in Holland nicht mehr. Ebenso gab es in seiner Umgebung keine Schulen mehr, da es keine Kinder mehr gab.
Die beiden Holländer gestikulierten schwächlich und ohne Überzeugung, da sie von Adina keine Reaktion erfuhren. Sie verstand nicht, was sie wollten und gab sich auch keine Mühe, es zu versuchen. Aber Hans wusste, dass sie, genau wie alle anderen, einfach draufloslaufen werden, ohne zu wissen, ob sie jemals irgendwo ankämen. Nördlich von ihnen stand das Wasser schon so hoch, dass gerade noch die Hausdächer zu sehen waren und ein Fortkommen zu Fuß unmöglich war. Im Osten stehen die unzähligen Ölbohrtürme, die aus letzter Verzweiflung gebaut wurden und jetzt nur noch vor sich hin rosteten. Hans hatte sich einmal auf den Weg in den Süden gemacht und nach vielen Kilometern Fußmarsch nur viele kleinere Zeltsiedlungen gefunden, die von Afrikanern, Belgiern und Norwegern bewohnt wurden. Sie verteidigten eisern ihre "Stadtgrenzen" und boten Hans keine Gelegenheit diese zu überschreiten. So erging es ihm überall, wo er noch auf Menschen traf. Bauzäune, die in der Umgebung im Schlamm lagen, wurden zu Grenzen zusammengeflickt, die im leichtesten Wind zusammenfielen und wieder aufgebaut wurden, und dünne flatternde Ballonseite war oft der einzige Schutz gegen die schneidende Kälte des Herbstes. Überall begegnete man ihm mit Misstrauen und Reserviertheit, bis er einigen Interessierten einmal eine Brosche anbot, die er im versunkenen Sylt gefunden hatte und die ihm irgendwie wertvoll vorkam. Sie besaß einen besonders großen Rubin und gefiel einer Frau hinter dem Zaun so gut, dass sie sie unbedingt besitzen wollte. Ihr Mann wollte davon nichts hören und legte Hans nur nahe, möglichst schnell zu verschwinden. Hans bot an, die Brosche gegen eine Ladung Fisch, die einzige Nahrungsquelle, die noch im Überfluss vorhanden war, einzutauschen. Der Mann war dagegen, aber seine Frau ließ ihm keine Ruhe. Sie wollte das glänzende Stück unbedingt in ihre Hände bekommen. Ihr Mann ließ sich erweichen und tauschte einen Teil seiner Fischration gegen den Stein ein. So hatte Hans mit der Zeit eine lukrative Kette von Kunden für seine Funde erstellt, die ihm zu manchen Zeiten einen guten Vorrat an Fisch für sich und Adina sicherte. Woher er die Preziosen bekam, hielt er streng geheim, und ehe er deswegen drangsaliert werden konnte, war er schon längst wieder auf dem Weg in eine andere Zeltstadt. Es hatte sich unter den holländischen Flüchtlingen wohl herumgesprochen, dass er oft einen guten Nahrungsmittelvorrat sein Eigen nannte, anders konnte Hans sich seine Beliebtheit bei den Holländern nicht erklären.
Die beiden Holländer machten sich bereit, das Haus nun endlich zu verlassen. Adina ging zur Tür und öffnete sie, ohne die beiden anzusehen. Sie marschierten energisch aus dem Haus, als hätten sie die ganze Zeit versucht, sich Mut zuzusprechen, der sich jetzt überbordend bahnbrach. Sie liefen in eine wahllose Richtung, kehrten um, wanderten in eine andere und blieben schließlich wieder stehen. Hans und Adina sahen ihnen verblüfft zu. Sie hatten schon viel Unentschlossenheit gesehen, aber diese beiden waren bisher der Höhepunkt. Nach einigen Augenblicken des Beratens, sahen sie kurz zurück auf Hans und Adina, bevor sie sich geradewegs in Richtung Osten auf den Weg machten. Hans ging schnell zurück ins Haus, aber Adina sah ihnen so lange nach, bis sie hinter dem Horizont verschwunden waren. Dann ging sie zum Esstisch und räumte die Teller zusammen.
Hans hatte seit längerer Zeit keinen wirklich wertvollen Schmuck mehr gefunden, so waren die Tage, an denen es ausgiebig Fisch gab, weniger geworden. Ein paar Scheiben Brot gab es aber schon für einige Goldzähne, die er häufig und in großer Zahl finden konnte, aber auch dieser Vorrat würde bald zur Neige gehen.
"Ich glaube, es wird heute kein Schiff mehr kommen", sagte Hans, als er eine Weile aus dem Fenster gesehen hatte.
Adina nickte, während sie die gespülten Teller in den Schrank zurückstellte.
"Ich werde heute an den Strand gehen und sehen, was ich finden kann."
Adina nickte wiederum und sah auf die Tischdecke, in der sie einige Knicke entdeckte, die die Holländer hinterlassen hatten. Sie rieb darauf herum, aber es hatte keine Wirkung. Die Knicke blieben.
"Ich gehe dann", sagte Hans, und Adina nickte...
Am Strand suchte Hans beinahe jeden Tag nach Metallbauteilen, die sich im Sand versteckt hielten. Wie sie dorthin kamen und wer sie einst zu welchem Zweck verwendet hatte, war ihm unbekannt. Aber gerade das interessierte ihn besonders. Er glaubte nicht daran, es jemals herauszufinden, aber darüber nachzudenken, hatte für ihn auch schon einen nicht zu verachtenden Reiz. An den Strandabschnitten, an denen er sich aufhielt, stieg das Wasser nur sehr langsam und er konnte große Teile über eine längere Zeit untersuchen. Er wunderte sich immer wieder, wie viele Teile er immer noch fand, obwohl er die einigen hundert Meter, die der wasserfreie Teil des Strandes ausmachte, schon so oft durchwühlt hatte. Sein einziges Werkzeug war eine alte Schaufel, die aber auch schon bald ein Raub des Rostes sein würde. Er ging zu der Stelle, an der er gestern Abend wegen Dunkelheit aufhören musste. Das Loch, das er gegraben hatte, war noch vorhanden. Keine Welle hatte, wie so oft, seine Arbeit über Nacht zunichte gemacht. Eine unbestimmte Ahnung, von der er an guten Tagen geleitet wurde, ließ ihn diese Stelle aussuchen, und tatsächlich wurde er schon nach wenigen Spatenstichen fündig. Es war ein Metallstück, ohne jeden Zweifel ein Teil einer großen Maschine; das konnte er mittlerweile auf den ersten Blick einordnen. Es war so ungewöhnlich groß und so schwer, das Hans es nur mit äußerster Mühe aus dem Sand ziehen konnte. Es war ein zerbrochener Halbkreis mit Rillen auf der Oberfläche und vereinzelten Einkerbungen, der mit vielen Kabeln verbunden war, die bis tief in den Sand hineinliefen. Er vermutete, dass es ein Teil einer Fabrik war, die einmal hier gestanden haben mag, obwohl die Landschaft keine Hinweise darauf gab. Trotzdem wollte er sich die Umgebung genauer ansehen, auch wenn es eine Gegend war, die er eigentlich meiden wollte. Nicht weit entfernt lag ein Ort, deren Bewohner wussten, dass er Zugang zu außergewöhnlichen Wertgegenständen besaß. Und da sie unter den Wenigen waren, die noch Feuerwaffen ihr Eigen nannten, wollte er sich dort besser nicht blicken lassen. Nur die unüberwindliche Neugier ließ ihn die Gefahr eingehen. Er schlich sich an einen Deich heran, der mit hohem Gras bewachsen war und der ihm genügend Schutz vor gefährlichen Blicken bot. Er sah auf die Überreste der Hochhäuser, die sich weit bis zum diesigen Horizont zogen. Es ist schon zu lange her, dass die schwerbewaffneten afrikanischen Flüchtlinge in Massen hier angekommen waren und den Einwohnern in langen vernichtenden Kämpfen ihre Habseligkeiten und Häuser abgenommen hatten. Sie kamen von Land und zu Wasser und ließen der Bevölkerung keine Chance. Hans kannte die Vorgänge nur aus den Berichten der Betroffenen, die er zufällig in den Zeltstädten traf und die wahrscheinlich wenig objektiv waren. Sie handelten von einfallenden Horden, die gemordet und geplündert hatten, die Häuser in Brand setzten und alles Essbare und vor allem die letzten sauberen Wasservorräte mitnahmen. Vielleicht stammte das seltsame Metallstück von den Schiffen der Afrikaner, von denen er noch nie eines gesehen hatte. Sie sollen neuerdings durch das Land reisen, immer auf der Suche nach frischem Wasser, und jeder sollte jetzt besonders auf der Hut sein. Das hatte er zumindest bei seinem letzten Besuch bei seinem Hauptzahngoldabnehmer gehört. Persönlich hatte er nur aus der Entfernung einige von ihnen gesehen. Da sie nicht sehr freundlich aussahen, ständig misstrauisch um sich blickten und nie ohne Gewehr vor die Tür gingen, hatte er kein gesteigertes Interesse, die Gerüchte widerlegen zu wollen. Sie hatten die ehemals sehr hohen Häuser bis auf die untersten zwei Stockwerke abgerissen und die Wände mit buntgemusterten Tüchern überdeckt, so dass vom nackten grauen Beton nichts mehr zu sehen war. Die Stadt wirkte jetzt eher wie eine Wohnung nach einem ausgeuferten Kindergeburtstag, nur dass die Bewohner ihn für einen Tropfen Wasser die Kehle durchgeschnitten hätten, vermutete er. Er hatte einmal in einer mutigen Minute daran gedacht, auch ihnen Schmuck, Gold und Edelsteine anzubieten, nur um zu sehen, wie zahlungskräftig sie waren, auch wenn er den Hauptabnehmern in den Zeltstädten geschworen hatte, genau dieses niemals zu tun. Zum Glück war sein Wagemut nicht zu ausgeprägt und auch seine Neugier nicht unvernünftig genug.
Er hörte Stimmen und scheppernde Geräusche aus den bunten Tuchhäusern. Es war eine fremde Sprache, aber nicht Holländisch. Er konnte sie nicht einordnen. Er schlich lieber wieder zurück zu seinem Metallhalbkreis. Vielleicht hatte ihn jemand gesehen, und er war unbewaffnet. Das letzte Mal, dass er gegen einen Rubin eine Pistole eintauschen konnte, ist schon sehr lange her. Für Jede Patrone musste er einem fetten Mondgesicht einen Diamanten in die Hände drücken unter dem johlenden Geschrei von dessen Kameraden. Sie glaubten, Hans gnadenlos auszunehmen, dabei taten sie ihm einen Gefallen. Die antiquierte Waffe, wahrscheinlich noch aus dem 20. Jahrhundert, tat ihm eine Weile lang gute Dienste. Wenn neugierige Durstige seinem Haus zu nahe kamen, reichte ein Schuss in die Luft und sie rannten wie die Hasen davon.
Das Metallstück, dessen Kabel er nun vollständig aus dem Sand befreit hatte, war noch schwerer, als es aussah. Tragen war unmöglich, so zog er es an den Kabeln hinter sich her und hinterließ eine unverkennbare Spur im Sand. Er ging deshalb näher an das Wasser heran, was er nicht gerne tat. Er hasste das Meer, jeder hasste es, den er je getroffen hatte. Er wollte sich ihm nicht nähern, aber es war zu gefährlich, Spuren zu hinterlassen. So musste er ihm so nahe kommen, dass sogar seine Füße nass wurden. Auch bei seinen Tauchgängen musste er sich jedesmal schwer überwinden, in dieses furchtbare, lebensbedrohliche Element kopfüber hineinzuspringen. Er schrak zurück, suchte all seinen Mut zusammen und zog das Metall spurenlos bis zum Haus zurück.
Sein Keller platzte bereits auseinander. Bis zur Decke stapelten sich die seltsamsten Gegenstände, die er aus allen Richtungen der Umgebung zusammengeklaubt hatte. Adina hatte sich schon lange nicht mehr hier hinunter gewagt. Zu bedrohlich erschien ihr das Chaos. Auch er wusste sich aus keinem der Stücke einen Reim zu machen. Er hätte es so gerne getan, aber es blieb ihm ein Rätsel, zu was der ganze Schrott einmal gebraucht wurde. Immer wieder holte er einzelne Stücke hervor und drehte sie in der Hand. Manche waren schon ganz glattpoliert vom vielen Reiben des Wassers und des Sandes. Eine der wenigen Gefühlshinweise, die Adina zu bieten hatte, war ein leichtes Kopfschütteln, wenn er wieder einmal ein für sie unsinniges Stück Metall anschleppte, das nur Platz verschwendete und keinen praktischen Nutzen besaß. Aber Hans wollte sich seine kuriosen Teile nicht nehmen lassen. Er war fasziniert von der Logik und dem reinen Nutzen, den diese Stücke offensichtlich einmal gehabt haben mussten, auch wenn sie ihn jetzt vollständig verloren hatten. Die mathematische Klarheit ihrer Konstruktion war für ihn schon ausreichend für eine jahrelange Beschäftigung. Als er das Teil im Keller gut verstaut hatte, ging er noch einmal an den Strand, um nachzusehen, ob nicht doch noch ein Schiff ankäme. Aber die See war ruhig und glatt, und kein quietschender Mast verunstaltete die Aussicht auf einen sonnigen Vormittagshimmel. Die Stunden vergingen schleppend und die Langeweile übernahm mehr und mehr die Kontrolle über ihn. In solchen Phasen überkam ihn oft der Drang zu der Kirche, beziehungsweise den Resten einer kleinen Kapelle, die im späten 20. Jahrhundert gebaut wurde, zu gehen. Er kannte von Fotos die üppig ausgestatteten katholischen Kirchen, die sein Vater so liebte und der auf dem Friedhof im Hinterhof der Kapelle lag. Hans hatte sein Grab eigenhändig ausgehoben, ihn in eine Plastikfolie gewickelt und in das Loch gelegt. Sein Grabstein war ein zusammengebundenes Holzkreuz, in das er den Namen mit einem Taschenmesser eingeritzt hatte. Hans musste es öfter erneuern, da es durch den feuchten Boden schnell verrottete. Hans' Verhältnis zu seinem Vater war sehr zwiespältig. Als Kind hatte Hans ihn für verrückt und gefährlich gehalten, aber später erfuhr er, dass seine Wahnvorstellungen Religion genannt und einst als völlig normal angesehen wurden. Da er der einzige in seiner bekannten Umgebung war, der diesen altertümlichen Ritualen anhing, konnte Hans doch nicht ganz umhin, ihn trotzdem für etwas verrückt zu halten. Sein Vater baute aus dem Gips, den er in der Gegend häufig fand, Statuen eines Mannes mit Heiligenschein, der an ein Kreuz genagelt war und stellte sie mitten auf den Esstisch, um Hans damit zu beeindrucken und seine Reaktion zu untersuchen. Hans hatte als Kind ein gewisses Talent dazu, Irrationales als Tatsache anzuerkennen, ohne es zu hinterfragen. Das hatte sein Vater sehr früh erkannt. Hans war schon als Kind oft an den Strand gegangen und hatte sich Länder vorgestellt, die sich auf der anderen Seite des Meeres befanden. Sein Vater hatte ihm zwar gesagt, dass es dort nur das langweilige England gab, aber das wollte Hans nicht glauben. Bei ihm war es ein Wunderland voller Menschen, die musizierten und dichteten und malten. Alles Dinge, die er nur aus Büchern kannte. Und die ihm auch sein Vater nur teilweise erklären konnte. Er malte einmal ein Bild, um Hans zu zeigen, wie so etwas einst ausgesehen hatte, aber es hatte keine Ähnlichkeit mit den Bildern aus den Büchern. Irgendetwas musste sein Vater falsch gemacht haben. Sein Glauben an das Wunderland auf der anderen Seite des Meeres änderte sich dadurch in keinster Weise.
Die ständige Nervosität seines Vaters war für ihn ebenso ein Rätsel. Er suchte ununterbrochen etwas, von dem er nicht genau wusste, was es war. Er suchte scheinbar nach einen ebensolchen Wunderland wie Hans. "Reich Gottes" nannte er es, und er versuchte auch, Hans das Wesen dieses Reiches zu erklären, aber so recht wollte es nicht funktionieren. Hans sollte auch die Bibel lesen, und er tat es auch, aber es hatte keine Wirkung auf ihn. Es kam ihm nur sonderbar vor, dass man sich in den heutigen Tagen noch auf diese hanebüchenen Geschichten in einem so alten Buch beziehen und sein ganzes Leben darauf aufbauen konnte. Obwohl er die Faszination, die ein Glauben an die beschrieben Dinge mit sich brachte, durchaus nachvollziehen konnte, war es ihm doch unmöglich, den Zauber mitzuerleben, den sein Vater offensichtlich aus dem Buch zog. So wurde die ganze Sache für ihn immer mehr zum einem Ärgernis. Sein Vater wollte nicht von seiner Mission ablassen, und so hielt Hans ihn immer öfter eindeutig für einen Verrückten. Als Hans Adina heiratete und in sein heutiges Haus zog, nahm sein Vater persönlich die Zeremonie vor. Er weinte vor Glück, nicht weil Hans geheiratet hatte, sondern dass er diese heilige Zeremonie zum ersten Mal durchführen durfte. Dieses kleine alte Buch und die Forderungen, die in ihm enthalten waren, schienen ihm wichtiger zu sein, als alles andere, auch als Hans. Mit den Jahren wurde er immer seltsamer. Er stach sich blutige Wunden in die Hände und Füße und lief danach vor Glück stundenlang in Kreis herum. Er fing sein Blut in Gläsern auf und ließ es ein Jahr lang stehen und trocknen und wartete an einem bestimmten Tag im Jahr, dass es sich wieder verflüssigte. Wenn es das nicht tat, war das Unglück groß und er zog sich in seinen Keller zurück, in dem er Kerzen aufstellte und sich mit Holzstangen selbst auf den Rücken schlug. Hans' Mutter hämmerte in solchen Fällen verzweifelt an die verschlossene Kellertür, aber er blieb oft für Stunden dort unten und fügte sich furchtbare Schmerzen zu. Wenn das Blut sich allerdings verflüssigte, wurde er geradezu euphorisch und tanzte den ganzen Tag im Haus von einem Zimmer zum anderen oder den Strand auf und ab oder er küsste seine Frau und Hans immer wieder ab und entzündete Kerzen auf seinem selbstgebauten Altar. Aber in seinen letzten Lebensjahren wollte sich das Blut immer seltener verflüssigen, und er wurde jeden Tag verzweifelter. Er ging oft tagelang am Strand entlang und wartete auf ein Wunder oder eine Eingebung, um zu erfahren, was er falsch machte. Er hörte auf, Fleisch zu essen, grämte sich oft tagelang, wenn ihm ein ungehöriges Wort über die Lippen kam und verschloss sich immer länger in seinem Keller; aber alles nütze nichts. Das Blut war vertrocknet und es wurde nicht mehr flüssig. Seine Verzweiflung äußerte sich in wüsten Zerstörungsorgien, in denen er das halbe Haus in Trümmer legte. Er beschuldigte Hans und dessen Mutter, ihm entgegenzuarbeiten und verweigerte jedes weitere Zusammensein mit ihnen. Er baute sich ein eigenes Haus, weit ab von allen anderen Menschen und war für niemanden mehr zu sprechen. Je intensiver Hans' Mutter versuchte, ihn wieder nach Hause zu holen, umso mehr schottete er sich ab. Eines Nachts sah Hans aus dem Fenster, als er nicht schlafen konnte und sah seinen Vater, als er brennend den Strand entlang lief, bis er zusammenbrach. Die wallende Brandung löschte zwar den Brand aber seine Verletzungen waren zu schwer. Er konnte nicht mehr gerettet werden. Voller Schuldgefühle verkroch sich Hans' Mutter mehr und mehr in sich selbst zurück, verweigerte die Nahrungsaufnahme und starb schließlich, als sie eines Nachts ins Meer ging und nicht mehr zurückkehrte.
Hans rückte das Kreuz zurecht und drehte dem Grab den Rücken zu. Die nüchternen weißen Wände, die die moderne Kapelle zierten, waren ein Segen für ihn. Kein stinkender Weihrauch, kein protziges Gold, kein angenagelter Mann an einem Kreuz und keine monumentalen Gemälde, die einen erschlagen wollten. Nur Stein, Holz und Farbe. Ein Gebäude, in dem man sich traf und zusammen sang. So erinnerte er sich an die Zeiten, an denen er mit seiner Mutter hierherkam. Und auch nur unter diesen Voraussetzungen konnte er Adinas vollkommene Sachlichkeit und Nüchternheit ertragen, die sich mit den Jahren weiter intensivierte. Alles Sinnlose und Unvernünftige war aus ihrem Denken und Handeln verschwunden. Sie war ganz Zweck, ganz Absicht. Hans wollte sich ein Beispiel an ihr nehmen und die gleiche Seelenversteinerung erreichen, aber das Talent, wie er es nannte, auf der anderen Seite des Meeres ein Wunderland zu sehen und nicht ein England voller Regen und schlechtem Essen, war noch aktiv in ihm, obwohl er es eisern bekämpfte. Jeden Ansatz von Unvernunft versuchte er zu ersticken. Wenn ihn ein Anfall von Irrationalität überkam, ging er in die kleine Kirche mit den weißen Wänden und sang ein kurzes Lied aus dem Buch, das seine Mutter in ihrem Nachttisch verstaut hatte und das sie auspackte, wenn sie glaubte, von Hans nicht gesehen zu werden. Warum gerade diese Handlung diese läuternde Wirkung hatte, wusste Hans nicht, aber er wollte auch nicht weiter nachfragen.
Als er wieder nach Hause kam, entdeckte er Spuren im Sand, die weder von ihm noch von Adina stammten. Er ging sofort in Deckung hinter seinem Baum. Er dachte daran zu rufen, ob es ihr gutging, aber dann kam ihm der Gedanke, dass es vielleicht besser wäre, nicht auf sich aufmerksam zu machen. Er schlich an die Hintertür und schob sie leise auf. Sie hatten schon öfter ungebetene Gäste im Haus und so wusste er, wie Adina reagieren würde. Sie lockte ihn in den Keller unter dem Vorwand, dort sei der Wasservorrat, den der Eindringling meist suchte, um ihn dann einzusperren. Das funktionierte aber nur, wenn Hans im Haus war. Jetzt musste er sich etwas anderes ausdenken. Er ging durch die Flure und hörte eine Stimme. Es war die Stimme eines Fremden, der mit schwerem Akzent sprach, aber es war wieder kein holländischer. Er sah im Spiegel, dass es ein Afrikaner war, der Adina mit einer Pistole bedrohte. Er saß mit ihr am Küchentisch und wollte sie mit Drohungen dazu bringen, ihm zu sagen, wo das saubere Wasser war, und sie sagte immer wieder: im Keller, es sei im Keller, aber er glaubte ihr nicht und fuchtelte mit der Pistole vor ihrem Gesicht herum.
"Sehen Sie ruhig nach", sagte sie in gleichförmigen Ton.
Die Gleichgültigkeit und der stumpfe Blick, mit der sie ihm entgegentrat, machte ihn immer wütender, aber sie konnte nicht anders.
"Wo es ist!", brüllte er. "Sag endlich!"
"Es ist im Keller", sagte sie und starrte dabei auf die sauber gebügelte Tischdecke.
Nur selten und dann nur für wenige Sekundenbruchteile sah sie den Fremden mit der tiefschwarzen Haut an, der immer ungeduldiger wurde und ihr die Pistole auf die Stirn drückte.
"Ich dich warnen", sagte er. "Wenn du mich belügen, du wirst bereuen."
Aber sie starrte weiter auf die Tischdecke.
"Das Wasser ist im Keller", sagte sie immer noch ruhig.
Hans wusste, dass diese Taktik nicht mehr lange gut gehen konnte, aber seine Waffe war unbrauchbar und lag zudem direkt hinter dem Afrikaner in der Schublade, unerreichbar für ihn. Er wollte ihn zumindest mit der leeren Waffe bedrohen, vielleicht ließ er sich bluffen. Das Adina die Nerven verlor war undenkbar. Nichts konnte sie aus der Ruhe bringen, noch nicht einmal die Waffe eines ausgedörrten Fremden, der zu allem bereit schien. War er ihr ansonsten mit angenehmer Gleichgültigkeit zugetan, bewunderte er sie in diesen Momenten sehr, und es fiel ihm wieder ein, warum er sie einst geheiratet hatte. Er dachte an einen Überraschungsangriff. Er würde einfach aus seinem Versteck springen und sich auf ihn stürzen, aber die Waffe war zu nah an ihrem Gesicht. Käme er eine Sekunde zu spät, würde eine Kugel ihr Hirn durchbohren. Er sah sich nach einer Möglichkeit um, ihn abzulenken, und da sah er eine Vase auf dem Tisch stehen, die einst seiner Mutter gehörte. Sie war ihr sehr wichtig gewesen, aber sie hätte sicher gewollt, dass er sie in diesem Moment für eine andere Sache benutzte, als Blumen in ihr aufzubewahren. Er schlich sich lautlos zu ihr, während der Afrikaner immer wieder die gleichen Fragen nach dem Wasser stellte und Adina immer wieder dieselbe Antwort gab. Hans nahm die Vase und warf sie in einer blitzschnellen Bewegung an das Holz der Vordertür, die gegenüber dem Afrikaner lag. Sie zerschellte in tausend Teile, und der Afrikaner drehte sich entsetzt um. Er sah wie die Porzellansplitter den Boden übersäten und jeder in einer anderen Geschwindigkeit zuckte. Ehe seine Gedanken einen Sinn in diesem Phänomen entdecken konnten, war Hans aus seinem Versteck gekommen und hatte sich auf ihn geworfen. Der Afrikaner war viel zu überrascht, als dass er gezielt und überlegt hätte handeln können. Hans riss ihm die Waffe aus der Hand und richtete sie auf ihn. Seine großen verdutzten schwarzen Augen kamen Hans so dumm vor, dass er jeden Gedanken daran, ihm eine Kugel zu verpassen, aufgab.
"Tun Sie nichts, nichts tun!", wimmerte er in einer Endlosschleife.
"Sei still!", rief Hans. "Wir haben kein Wasser!"
"Aber alle sagen...",
"Alle lügen!", sagte Hans. "Wir haben kein Wasser und auch sonst nichts, was für dich interessant sein könnte!"
"Das ich glaube nicht!", rief der Afrikaner, und Hans bekam doch wieder Lust, ihn mit Blei zu bearbeiten.
"Es ist besser, du verschwindest so schnell wie möglich!"
Hans richtete die Pistole direkt auf sein Gesicht und zog den Hahn nach hinten. Das knackende Geräusch erfüllte den Afrikaner sichtlich mit Panik.
"Ok, Ok, ich gehen. Es gibt auch andere, die Wasser haben, nicht wie in dein mickriges Haus. Hier ist sowieso nichts zu holen!"
Er lief an Hans vorbei aus der Hintertür hinaus. Hans folgte ihm und ließ den Lauf auf ihn gerichtet. Der Afrikaner lief und lief über die flachen Ebenen und bei jedem Schritt spritze Wasser empor. Hans blieb stehen und verfolgte ihn nur noch mit seinem Blick, bis er am Horizont verschwunden war.
"Bist du wieder am Grab deines Vaters gewesen?", fragte Adina, als er ins Haus kam.
"Ja, das war ich", sagte er, als er die Pistole untersuchte.
Sie war noch randvoll mit Patronen, die ihn vielleicht über Monate unangenehmen Besuch ersparen konnte.
"Ist dort alles in Ordnung?", fragte sie.
"Ja, alles."